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Laissez Faire Erziehungsstil: Kein Lob und keine Rüge für das Kind

Lesezeit von 7 Minuten
Laissez Faire Erziehungsstil: Kein Lob und keine Rüge für das Kind

An der Supermarktkasse brüllt mal wieder ein Kind los. Du schüttelst den Kopf, doch die Eltern kümmern sich gar nicht darum. Der Junge, vielleicht vier Jahre alt, schreit und rennt weg, schmeißt einen Stapel Dosen um und wirft sich auf den Boden. Was ist das denn? Antiautoritäre Erziehung, oder was?

Das ist der Laissez Faire Erziehungsstil, bekommst du später mit. Jetzt willst du es wissen: Was hat Laissez Faire für eine Bedeutung? Die wörtliche Übersetzung des französischen Begriffs heißt: Machen lassen. Das Kind soll also ohne Grenzen machen, was es will. Wer sich das ausgedacht hat, meinte wohl, dass jede Erziehung das Kind beeinflusst – dabei soll es sich frei entwickeln. Und das funktioniert? Sieht nicht so aus, wie das Beispiel im Supermarkt zeigt.

Was ist der Laissez Faire Erziehungsstil?

Die Definition von Laissez Faire ähnelt auf den ersten Blick dem antiautoritären Erziehungsstil. Bei einem genauen Blick ist der Laissez Faire Erziehungsstil aber noch extremer. Die Kinder dürfen alle ihre Entscheidungen ohne Anleitung der Eltern treffen. Tu, was du willst, das klingt erst einmal nach Freiheit und Individualismus. Doch wirkt sich das wirklich positiv auf die Eigenständigkeit und Kreativität aus?

Beim Laissez Faire Erziehungsstil bleiben die Eltern absolut passiv. Sie stellen keine Regeln auf, sie überlassen die Kinder sich selbst und geben auch keine Anregungen. Wer sich für diesen Erziehungsstil entscheidet, glaubt, dass die Kinder davon profitieren.

Die typischen Merkmale des Laissez Faire Erziehungsstils sind:

  • Es gibt weder Strafen noch Lob.
  • Das Kind wächst ohne feste Regeln auf.
  • Die Eltern mischen sich nicht in die alltäglichen Aktivitäten ein. Wann das Kind aufsteht und was es macht, ist seine Sache.
  • Die Eltern zeigen keine Erwartungshaltung und sie leben keine Werte vor.
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Beispiele für den Laissez Faire Erziehungsstil

Bei den typischen Beispielen fällt immer wieder die passive Haltung der Eltern auf. Ein Kind mit ruhigem Charakter zieht sich womöglich stark zurück. Es malt vor sich hin und zeigt tatsächlich eine besondere Kreativität. Kleine Kunstwerke entstehen – nicht am Schreibtisch im Kinderzimmer, sondern auf dem Boden des Wohnzimmers. Ein Blatt nach dem anderen wird bemalt. Irgendwann steht der kleine Künstler auf und präsentiert seinen Eltern die Bilder. Doch die winken ab, denn Lob gibt es bei dem Laissez Faire Erziehungsstil nicht. So kommt nach dem kreativen Schub der Frust.

Ein zweites Beispiel: Das Kind, das die fehlenden Regeln ausnutzt. Beim Spielen mit anderen Kindern tobt es herum, hält sich nicht an die normalen Grenzen und rennt schließlich alleine dem Fußball hinterher. Die anderen Kinder suchen sich eine neue Beschäftigung: Mit dem kann man ja nicht spielen.

Für Kinder, die nach dem Laissez Faire Erziehungsstil aufwachsen, kommt der erste große Einschnitt mit dem Eintritt in die Schule. Bisher konnten sie alles machen, was sie wollten. Jetzt ist regelmäßiges Lernen angesagt. Stillsitzen geht schon mal gar nicht, stattdessen stört das wilde Kind den Unterricht und wird zum schlimmsten Klassenclown.

In der bewussten Anti-Erziehung wird das Desinteresse der Eltern deutlich. Kein Wunder, dass die Kinder daraufhin zu Einzelgängern werden.

Laissez Faire Erziehung vs. antiautoritäre Erziehung: die Unterschiede

Eltern, die sich für den Laissez Faire Erziehungsstil entscheiden, setzen auf eine passive Haltung. Sie haben keine oder nur geringe Erwartungen an die kindliche Entwicklung. Erziehung, Förderung und Regeln – das alles gibt es nicht.

Im Gegensatz dazu ist die antiautoritäre Erziehung kein fest definierter Erziehungsstil, sondern eine lockere Erziehungsphilosophie. Hier gibt es bestimmte Ziele. Während der Laissez Faire Erziehungsstil eine gewisse Vernachlässigung und Gleichgültigkeit erkennen lässt, geht es den antiautoritären Eltern um das Wohl des Kindes. Einige Elemente der klassischen antiautoritären Erziehung haben sich bis heute erhalten. Du erkennst sie beispielsweise im demokratischen Erziehungsstil.

Bei der antiautoritären Erziehung stehen die folgenden Zielsetzungen im Fokus:

Hier zeigen sich die großen Unterschiede zum Laissez Faire Erziehungsstil, der auf Regeln und auch auf Förderung verzichtet.

Im Rahmen der antiautoritären Erziehung unterbreiten die Eltern ihren Kindern Vorschläge und Alternativen. Die Kinder haben eine Wahl – in einem gewissen Rahmen. Einerseits sollen sie ihre individuellen Ideen austesten, andererseits mit den Folgen klarkommen, wenn etwas nicht klappt. So lernen die Kleinen, Verantwortung zu übernehmen.

Der freundschaftliche und respektvolle Umgang ist typisch für die antiautoritäre Erziehungsmethode. Zu sehr Laissez Faire ist jedoch problematisch: Sonst ziehst du dir womöglich einen kleinen Egoisten heran.

Welche Auswirkungen hat der Laissez Faire Erziehungsstil?

Kinder brauchen einen gewissen Freiraum. Aber ohne Regeln, Vorbilder und Strukturen verlieren sie ihre Orientierung. Genau das ist das Problem bei der Laissez Faire Erziehung. Der gleichmäßige Lebensrhythmus – Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten/Lernen, Freizeit, Schlafengehen – hilft dabei, sich im Leben zurechtzufinden. Dabei haben die Eltern automatisch eine Vorbildfunktion. Kinder ahmen sie nach: Sie tun so, als ob sie am Telefon fachsimpeln, oder wünschen sich eine Mini-Küche. Sie helfen beim Tischdecken oder malen etwas an die Wand – leider auch neben die Tafel.

Beim Laissez Faire Erziehungsstil gibt es für die Hilfe im Haushalt kein Lob, und für die Kritzelei an der Tapete keinen Rüffel. Die Kinder sehen ihre Eltern nicht als Erziehungsperson, nicht mal als richtige Bezugsperson. Das führt zu Problemen in vielen Bereichen. Den Kindern fällt es auch im späteren Leben schwer, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Sie werden extrem egoistisch, oft unzufrieden und sogar aggressiv. Sie entscheiden sich für die einfachste, bequemste Lösung und haben es schwer, Freunde zu finden. Diese Beziehungsprobleme beginnen schon im Kindesalter. Schwierigkeiten beim Lernen sind ebenfalls vorprogrammiert.

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Vorteile & Nachteile vom Laissez Faire Erziehungsstil

Die Vorteile von Laissez Faire können der Realität und den negativen Folgen nicht standhalten. Die Verfechter dieses Erziehungsstils glauben, die Individualität der Kinder zu stärken. Kinder sollen eigenständige Wesen sein, die ihre individuellen Werte und Wünsche entwickeln. Der Wunsch nach Harmonie und Freiheit endet jedoch meistens in einem Desaster. Anstatt selbstständig und kreativ zu werden, entwickeln sich die Laissez-Faire-Kinder zu eigensinnigen Menschen, die sich nicht in das soziale Gefüge eingliedern können. Mag sein, dass sie die wahren Individualisten sind – aber das macht sie nicht glücklich.

Die Nachteile haben deutlich mehr Gewicht. So zeigt der Laissez Faire Erziehungsstil eine nahe Verwandtschaft zur Vernachlässigung. 

Das hat mehrere negative Folgen:

  • Das gestörte Sozialverhalten führt dazu, dass die Kinder nur schwer Freunde finden.
  • Ein fehlendes Verantwortungsgefühl nimmt den Betroffenen die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen.
  • Die mangelnde Selbsteinschätzung erschwert die persönliche Weiterentwicklung.
  • Ohne Regeln und Förderung bleiben die Laissez-Faire-Kinder oft für sich und gehen immer den Weg des geringsten Widerstands.
  • Durch fehlende Disziplin kommt es häufig zu Schwierigkeiten in der Schule und im späteren Berufsleben.
  • Ohne Orientierung und Vorbilder erkennen die Kinder nicht, was gut für sie ist.

Welcher Erziehungsstil ist der beste?

Den einen, besten Erziehungsstil gibt es nicht, denn Eltern handeln nicht immer konsequent und logisch. Das liegt daran, dass du als Elternteil dein Verhalten an die aktuelle Situation anpasst. Dein eigener Erziehungsstil basiert auf einer Grundeinstellung, die du erst herausfinden musst. Die Erziehung hängt auch davon ab, wie dein Kind tickt – und wie es in der Familie läuft.

Was erwartest du von deinem Nachwuchs? Was ist dir wichtig, was möchtest du deinem Kind vermitteln? Jeder hat seine eigene Lebensphilosophie, seine individuellen Ziele und seinen bevorzugten Erziehungsstil. Streng oder antiautoritär, oft wechseln sich die Phasen ab.

Eine gute Erziehung hat oft einen flexiblen Erziehungsstil als Grundlage. Das heißt, dass du mehrere Stile miteinander verbindest. Es gibt nicht nur den einen, richtigen Weg. Überlege dir immer, was gerade gut für deine Familie und dein Kind ist. Manchmal ist etwas mehr Freiheit nötig, gerade im Zusammenhang mit kreativen Hobbys. In anderen Phasen steckst du die Grenzen etwas enger, damit dein Kind nicht zu viel austestet.

Mehrheit setzt auf demokratischen Erziehungsstil

Viele Eltern setzen auf den demokratischen Erziehungsstil, der jedoch nicht für jede Situation geeignet ist. Wenn die Zeit knapp ist, greifst du lieber zu deiner Autorität als Elternteil. „Los jetzt, schnapp deinen Rucksack, es ist schon halb acht“ – an manchen Tagen geht es nicht anders. In der Freizeit sieht es etwas anders aus. Wohin soll der Ausflug gehen? Was möchte dein Kind heute machen – erst in den Zoo und später Oma und Opa besuchen? Solche Entscheidungen stimmt ihr demokratisch ab. Andere Dinge bestimmt ihr als Eltern, zum Beispiel, wohin der Urlaub geht. Oder soll euer Kind auch hier ein Mitspracherecht haben? Das ist eure Sache.

Jedenfalls brauchst du kein strenges Erziehungsmuster, wenn du dich am flexiblen Erziehungsstil orientierst. Der Situation angepasst und möglichst entspannt, respektvoll und manchmal doch autoritär: Das kann sehr gut funktionieren.

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Welche weiteren Erziehungsstile gibt es?

Den Laissez Faire Erziehungsstil hast du bereits etwas kennengelernt. Pure Antiautorität, verbunden mit einer Gleichgültigkeit, die zur Vernachlässigung tendiert.

Ein anderes Extrem ist die autoritäre Erziehung. Hier haben die Kinder gar keinen Einfluss in den Entscheidungsprozessen. Was die Eltern sagen, ist Gesetz. Gute Aktionen der Kinder ziehen ein Lob nach sich. Auf kleine Sünden folgt eine Strafe, beispielsweise in Form von Hausarrest. Die individuellen Wünsche der Kinder spielen keine Rolle. Wenn ein Kind besondere Talente hat, bleiben diese meistens unentdeckt.

Bei dem autokratischen Erziehungsstil steigert sich diese Autorität noch. Die gefürchtete „starke Hand“ gehört ebenso dazu wie strikte Regeln. Selbstständigkeit, eigene Ideen und Wünsche werden konsequent unterdrückt. Die Eltern sind nicht zu Kompromissen bereit, sondern zeigen sich in jeder Hinsicht autoritär.

Die demokratische Erziehung ist hingegen deutlich angenehmer für die Familie. Für die Kinder gibt es gewisse Regeln und auch die familiäre Hierarchie steht fest. Doch jeder kann seine Wünsche äußern und Vorschläge machen. Eigeninitiative ist gern gesehen und individuelle Förderung gehört ebenso dazu.

Beim egalitären Erziehungsstil sind Eltern und Kinder gleichberechtigt. Auch die Pflichten sind ausgewogen verteilt. Wer diesen Stil konsequent durchzieht, billigt seinen Kindern das gleiche Mitspracherecht zu, das auch die Eltern haben. Das kann gelegentlich zu einer Patt-Situation führen, wenn die Entscheidungen auf der Kippe stehen.

Die permissive Erziehung lässt den Kindern fast so viel Freiheiten wie der Laissez Faire Erziehungsstil. Hier halten sich die Eltern ebenfalls stark zurück mit erzieherischen Maßnahmen. Das Kind soll eigene Entscheidungen treffen und selbst aktiv werden, aber auch Verantwortung übernehmen.

Für welchen der Erziehungsstile du dich entscheidest, hängt von deiner grundlegenden Lebenseinstellung ab. Mit Verantwortungsbewusstsein und Empathie findest du deinen ganz eigenen Stil der Kindererziehung. In vielen Familien entsteht ein Mix aus Demokratie und leicht autoritären Mustern. Denk aber daran: Die Entscheidung für den Erziehungsstil liegt bei den Eltern und das Kindeswohl steht immer im Mittelpunkt.

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