Offene Beziehung: Eine gute Option oder ein fauler Kompromiss?

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Offene Beziehung: Eine gute Option oder ein fauler Kompromiss?

Du lebst seit vielen Jahren in einer Beziehung und spürst, dass du dich dennoch sexuell zu anderen Menschen hingezogen fühlst? Ein Seitensprung kommt jedoch nicht infrage, da du deinen Partner liebst und ihn weder verletzen noch verlieren willst? In diesem Fall kann es sinnvoll sein, über das Modell einer offenen Beziehung nachzudenken. Wir verraten dir, unter welchen Voraussetzen dies für alle Beteiligten funktionieren kann.

Was ist eine offene Beziehung?

Es gibt keine klare Definition, was eine offene Beziehung ist. Jedes Paar legt die konkreten Spielregeln für sich selbst fest. Im Allgemeinen bezeichnet eine offene Beziehung allerdings die Tatsache, dass einer oder beide Partner mit anderen Personen sexuell aktiv werden. Die emotionale Verbundenheit gilt jedoch weiterhin dem Lebensgefährten bzw. der Lebensgefährtin.

Warum wählt man eine offene Beziehung?

Die Gründe, warum man sich für eine offene Beziehung entscheidet, sind ebenfalls sehr individuell. Im Idealfall verspüren beide Partner das Bedürfnis nach sexuellen Abenteuern, was Erfahrungen mit Dritten einschließt. Solche Paare trennen die körperliche von der emotionalen Verbundenheit und können anderweitig sexuell aktiv sein, ohne Eifersucht oder gar Verlustängste zu spüren.

Viel öfter verhält es sich jedoch so, dass der Wunsch nach einer offenen Beziehung zunächst einseitig von einem Partner ausgeht, während der andere sich erst an den Gedanken gewöhnen muss. Manchmal kann derjenige sich darauf einlassen, manchmal auch nicht: Beides ist in Ordnung.

Der Auslöser, über eine offene Beziehung nachzudenken, ist meist der Wunsch nach neuen sexuellen Erfahrungen, die man mit dem Lebenspartner nicht teilen kann oder möchte. Auch die Angst, etwas zu versäumen oder der Wunsch, sich wieder begehrt zu fühlen, können eine tragende Rolle spielen. Insbesondere wenn Letzteres zutrifft, sollte jedoch zunächst an der Paarbeziehung gearbeitet werden.

Interessant zu wissen: Laut einer Online-Umfrage von Women's Health leben 7 Prozent der 832 befragten Frauen in einer offenen Beziehung.

Offene Beziehung vs. monogame Beziehung – Welcher Weg passt zu dir?

Bin ich für eine offene Beziehung gemacht? Wenn dein Partner dir diesen Vorschlag unterbreitet hat, wirst du sicherlich intensiv über diese Frage nachdenken. Letztendlich solltest du deinem Bauchgefühl vertrauen, was bedeutet, dich von den gesellschaftlichen Konventionen zu lösen. Du musst mit deiner Entscheidung glücklich sein, nicht dein Umfeld.

Wenn sich dein Innerstes allerdings gegen diese Vorstellung sträubt, dann gibt es keinen Grund, eine offene Beziehung auszuprobieren. In diesem Fall solltest du dich nicht von deinem Partner überreden lassen, sondern für deine eigenen Bedürfnisse einstehen. Dies kann leider manchmal eine Trennung notwendig machen.

Bist du lediglich ein wenig skeptisch, aber nicht völlig abgeneigt, kann ein Versuch sinnvoll sein. Wichtig ist, dass zuvor klare Regeln aufgestellt werden, die von beiden Partnern eingehalten werden müssen. Vielleicht findet ihr heraus, dass eine offene Beziehung euch bereichert und eure Partnerschaft sogar festigt. Das mag seltsam klingen, ist aber keineswegs unmöglich.

offene beziehung regeln

Die Vorteile einer offenen Beziehung – Freiheit, Abenteuer und persönliches Wachstum

Sind wir Menschen überhaupt für die Monogamie geschaffen oder handelt es sich lediglich um eine anerzogene Moralvorstellung, die unseren natürlichen Instinkten widerspricht? Mit dieser Frage haben sich bereits verschiedene Studien beschäftigt. Die Forschungsergebnisse lassen zumindest darauf schließen, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren nicht monogam gewesen sind.

Aber welche Vorteile bietet eine offene Beziehung in der heutigen Zeit? Das wollen wir uns nachfolgend einmal näher anschauen:

1. Freiheit und Selbstbestimmung

Sich (sexuell) eingeengt zu fühlen, kann eine Partnerschaft sehr belasten. Die offene Beziehung bietet die Möglichkeit, sexuelle Freiheiten auszuleben, ohne die emotionale Verbindung zum Partner aufzulösen. Eine Trennung ist nämlich meist gar nicht gewünscht.

Darüber hinaus lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, wer überhaupt entscheidet, dass die Monogamie die einzig richtige und erstrebenswerte Beziehungsform darstellt. Warum sollte eine polygame Lebensweise falsch sein, wenn alle Beteiligten glücklich sind? Das Stichwort lautet: weg von Konventionen, hin zur Selbstbestimmung.

2. Harmonie

Unzufriedenheit innerhalb der Partnerschaft führt zu Streit, Krisen und im schlimmsten Fall zur Trennung. Eine offene Beziehung kann dabei helfen, (sexueller) Unzufriedenheit vorzubeugen.

3. Abenteuer

Vielleicht gibt es eine bestimmte Fantasie, die du gerne ausleben möchtest, aber dein Partner oder deine Partnerin nicht? Oder du bist einfach neugierig, wie es ist, mit jemand anderem zu schlafen? Eine offene Beziehung ermöglicht euch eine Vielfalt sexueller Abenteuer ohne schlechtes Gewissen.

4. Persönliches Wachstum durch Erfahrungen

Eine offene Beziehung zu führen, wird deinen Erfahrungsschatz erweitern. Dies gilt nicht nur in sexueller, sondern auch in emotionaler Hinsicht. Eine offene Beziehung ist an die Fähigkeit geknüpft, tiefes Vertrauen in deinen Partner aufzubauen sowie Grenzen zu setzen und einzuhalten.

Kommunikation und Ehrlichkeit – Die Grundpfeiler einer erfolgreichen offenen Beziehung

Oberflächlich betrachtet klingt es ganz einfach: Wer in einer offenen Beziehung lebt, darf Sex haben, wann und mit wem er möchte. Derart simpel verhält es sich in der Praxis aber keineswegs. Damit eine offene Beziehung funktioniert, sind Kommunikation und Ehrlichkeit unerlässlich. Beide Partner müssen sich in mehrfacher Hinsicht abstimmen, wo ihre persönlichen Grenzen liegen.

Die Paarbeziehung hat immer Vorrang und niemand muss stillschweigend etwas tolerieren, das ihn oder sie verletzt. Manche Paare vereinbaren beispielsweise, dass sie von den sexuellen Abenteuern des jeweils anderen nichts wissen wollen, während andere gerne hören möchten, was sich abspielt. Für manche Paare ist es tabu, mit den Sexpartnern freundschaftlichen Kontakt zu pflegen, für andere ist dies kein Problem.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft das Thema Verhütung und Schutz. Dies setzt großes Vertrauen und Gewissenhaftigkeit voraus. Im Falle einer Panne muss der Partner sofort informiert werden, da immer das Risiko einer sexuell übertragbaren Krankheit besteht. Wird sich nicht an die getroffenen Vereinbarungen gehalten oder ist ein Partner unehrlich, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt.

8 Tipps für Dating und Partnersuche in einer offenen Beziehung – Lerne neue Menschen kennen

Es gibt immer noch recht wenige Menschen, die sich offen dazu bekennen, eine offene Beziehung zu führen. Schließlich gilt die Monogamie als gesellschaftliche Norm. Mehr als einen Menschen zu lieben ist noch immer weitestgehend verpönt, was es nicht unbedingt leichter macht, Gleichgesinnte zu finden. Mit den folgenden 8 Datingtipps kann es dennoch gelingen.

1. Sei offen

Kommuniziere offen und eher beiläufig, dass du in einer offenen Beziehung lebst. Auf diese Weise nimmst du der Tatsache die vermeintliche Sensation. Nur wenn du dich zu erkennen gibst, werden sich Gleichgesinnte trauen, dich anzusprechen. Woher sollen sie es sonst wissen?

2. Trage die Poly-Flagge

Ein Zeichen innerhalb der polyamourösen Szene, mit dem du dich Gleichgesinnten zu erkennen geben kannst, ist die Poly-Flagge. Diese ist blau-rot-schwarz gestreift, mit einem goldfarbenen Pi in der Mitte. Da die wenigsten monogamen Menschen die Bedeutung der Flagge kennen, besteht kaum eine Gefahr für ein ungewolltes Outing. Du kannst z. B. entsprechende Anstecker oder Ohrringe tragen, wenn du abends ausgehst.

3. Online-Dating für polygame Menschen

Das Internet verbindet Menschen mit denselben Interessen innerhalb von Sekunden. Traue dich und melde dich in entsprechenden Börsen oder Foren an. Selbstverständlich solltest du vorher die Seriosität der Plattformen sowie die Echtheit der Profile überprüfen. Es gelten alle Vorsichtsmaßnahmen, die generell beim Online-Dating zu beachten sind.

4. Polygamie-Treffen

In vielen Städten gibt es spezielle Treffen, bei denen sich polygame Menschen begegnen und austauschen können. Möglicherweise sind sogar neue, potenzielle Partner dabei. Probiere es einfach mal aus, am besten zusammen mit deinem festen Partner oder deiner Partnerin.

5. Sei ehrlich zu deinem Date

Hat es tatsächlich mit einem Date geklappt, gilt es auch hier von Anfang an ehrlich zu sein. Mache deutlich, was du dir vorstellst: Sofern es dir nur um ein sexuelles Abenteuer außerhalb deiner Beziehung geht, solltest du keinerlei falsche Hoffnungen wecken. Stelle sicher, dass dein Date die Bedingungen verstanden hat und damit einverstanden ist.

6. Respekt

Auch wenn du bereits einen festen Partner hast und andere Menschen datest, gelten selbstverständlich die Grundregeln von Respekt und Wertschätzung. Niemand verdient es, als reines Lustobjekt betrachtet und behandelt zu werden.

7. Klare Grenzen

Kann ein Date mit einem potenziellen polygamen Partner ebenso ablaufen wie bei monogamen Singles? Prinzipiell spricht nichts dagegen. Es sei denn, dein Partner stört sich an romantischen Treffen mit anderen Personen. Dies solltet ihr zuvor besprechen.

8. Nie in der privaten Zone des Partners

Wer eine offene Beziehung führt, kann sich mit den verschiedensten Menschen an den verschiedensten Orten treffen. Nur eines sollte tabu sein: Die Wohnung und natürlich das Schlafzimmer, das du mit deinem Lebenspartner teilst.

An dieser Stelle ist es wichtig, offene Beziehungen von Polyamorie zu differenzieren. Wenn alle Beteiligten offen dafür sind und einander sogar anziehend finden, spricht natürlich nichts gegen ein gemeinsames Treffen in den eigenen vier Wänden.

was ist eine offene beziehung

Offene Beziehung oder Beziehungsende? Wie du eine Entscheidung triffst

Wie zuvor bereits erwähnt, kann dir niemand die Entscheidung abnehmen, ob du einer offenen Beziehung zustimmst oder nicht. Zunächst einmal ist es wichtig, den Wunsch nach einer offenen Beziehung genauer zu beleuchten: Stehen lediglich sexuelle Interessen im Vordergrund oder mangelt es eurer Partnerschaft an etwas Grundlegendem, was durch das Zusammensein mit anderen Menschen kompensiert werden soll?

Gern darfst du dir auch ehrliche Fragen stellen: „Vermisse ich gerade etwas in meiner Partnerschaft – wie Geborgenheit, Nähe, Wertschätzung – das ich versuche, im Außen zu kompensieren?” Oder erweckt der Gedanke, doch nur mit einem Menschen zusammenzuleben, in dir eine Angst? 

An dieser Stelle sei noch einmal deutlich gesagt: Eine offene Beziehung ist nicht dafür geeignet, eine angeschlagene Partnerschaft zu kitten. Vielmehr sind Stabilität, Vertrauen und Einigkeit die Grundvoraussetzungen, damit das Modell funktionieren kann.

Fazit: Eine offene Beziehung erfordert Vertrauen und Ehrlichkeit

Eine offene Beziehung zu führen mag ein verlockender Gedanke sein, da dieses Beziehungsmodell Freiheiten verspricht, welche in einer monogamen Partnerschaft ausgeschlossen sind. Wichtig ist, dass du es nicht dem Partner zuliebe erträgst, sondern dich aus eigener Überzeugung für eine offene Beziehung entscheidest. Konkrete Grenzen, Kommunikation und Vertrauen bilden hierbei die Grundpfeiler.

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Geprüft von Dr. med. Stefan Frädrich

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